Blume: das Jakobs-Kreuzkraut (Giftig)    

cvs. Alljährlich gibt es bei uns in der Schweiz Vergiftungsfälle bei Pferden, bei denen die Ursache nur sehr schwer festgestellt werden kann. Ein solches Unglück traf vor zwei Wochen den Reithof Rotecheweid in Kiesen. Eine ganze Gruppe von Islandpferden wurde auf der Weide vergiftet. Verantwortlich dafür: eine äusserst giftige, unübersehbare, häufig vorkommende und leider bei den meisten Reitern nicht bekannte Blume: das Jakobs-Kreuzkraut.

Wegen Umbauten mussten die Weiden der Islandpferde in Kiesen verkleinert werden. Auf dem jetzt ungenutzten Land wuchs das Gras hoch und wurde gemäht. Eines Tages gegen Mittag brach eine Gruppe von elf Isländern aus ihrem Freilaufgehege aus. Sie wanderte auf ihre ehemalige Weide und taten sich an dem frischen (und dem gemähten) Gras gütlich. Niemand dachte sich etwas dabei. Die Pferde wurde zurückgeholt und wie üblich am Nachmittag und Abend im Reitunterricht gebraucht.

Am nächsten Morgen stand eines der Tiere apathisch im Auslauf. Es hatte Durchfall und zeigte Kolikanzeichen. Bis der Tierarzt auf dem Hof war, reagierten die Pupillen des Pferdes nicht mehr und es konnte seine Bewegungen nicht mehr koordinieren. Sofort wurde es ins Tierspital Bern gebracht, wo das arme Tier nur noch eingeschläfert werden konnte. Nachhause zurückgekehrt erwartete die Besitzer ein neuer Schreck. Zwei weitere Tiere zeigten Kolikanzeichen und konnten sich nur noch steif bewegen. Auch sie wurden umgehend ins Tierspital gebracht, wo ihnen mittels Magenspülungen weitgehend geholfen werden konnte.

Den ganzen Abend verbrachten der Tierarzt und die Leute der Rotecheweid damit, ihre Pferde zu beobachten und bei den kleinsten Krankheitssymptomen Magensonden zu legen und die Tiere durchzuspülen. Aber noch kannte man den Grund nicht!

Der behandelnde Tierarzt brütete die ganze Nacht über seinen Büchern, bis er gegen Morgen eine mögliche Ursache fand. Er ging auf die Weide und fand seinen Verdacht bestätigt: In wunderschönen gelben Büschen blühte hier massenhaft das Jakobs-Kreuzkraut! Das Pech für die Isländer: das Kraut enthält im saftigen Zustand soviel Bitterstoffe, dass es von allen Pflanzenfressern gemieden wird. Getrocknet aber verliert es den bitteren Geschmack, das Gift aber bleibt enthalten!

Mit dieser Erkenntnis war die Sache aber noch nicht ausgestanden. An diesem zweiten Morgen zeigten wieder zwei der Isländer deutliche Fressunlust. Um nichts zu riskieren wurden beide verladen und ins Tierspital gebracht. Innert kürzester Zeit verschlechterte sich der Zustand des einen Tieres so rapide, dass es nur 10 Min nach Einlieferung ins Spital verendete.

Fazit: Sieben der elf Islandpferde vergifteten sich schwer. Zwei mussten ihren Ausflug mit dem Leben bezahlen, eines befindet sich noch immer im Tierspital. Bei den überlebenden Tieren sind Folgeschäden, insbesondere eine Schädigung der Leber, nicht auszuschliessen.

Achtung: ! Giftig !

Jakobs-Kreuzkraut (Senecio jacobaea)
auch Jakobs-Greiskraut, Spinnenkraut, Krötenkraut, Zehrkraut

Verbreitung: Wegränder, Waldränder, sonnige Hänge, Wiese, Gärten
Beschreibung: 30 - 100 cm hohe zweijährige oder ausdauernde Pflanze
Blütezeit: Juli - August
Blätter: fiederteilig, die Seitenzipfel rechtwinklig abstehend
Blüten: goldgelb, Zungen- und Röhrenblüten in 15 bis 20 mm breiten Körbchen
Verwechslung: Andere Senecio-Arten, alle ebenfalls giftig
Giftige Teile: Die ganze Pflanze. Auf der Weide wird sie gemieden Blüten weisen die höchste Konzentration an Alkaloiden auf; junge Pflanzen sind am giftigsten
Gefährlichkeitsgrad: äusserst giftig, die Toxine sind auch in Heu und Silage wirksam
Wirkung: steigernde Schädigung der Leber
Tödliche Dosis:
Pferd: 140 gr
Rind: 140 gr
Schaf: > 2 kg
Ziege: bis 4 kg

Symptome: (akut) Nervenschädigung, Lähmung, später Leberschädigung, dadurch dann zentrale Blindheit, Darmlähmung, Taumeln, Dummkoller, Tod chronisch (durch Heu oder Silage): Appetitlosigkeit, blutiger Durchfall, häufiges Gähnen, Unruhe, Taumeln, zielloses Wandern, Zehenschleifen, Blindheit, Kopfpressen, hepatisches Koma, Tod
Therapie: In akuten Fällen ist eine Behandlung aussichtslos. Bei chronischer Vergiftung geringe Heilchancen. Die Tiere verenden manchmal erst nach mehreren Monaten.
nach: Giftpflanzen Datenbank für die Veterinärmedizin

Dies alles passierte wegen einer Pflanze, die nicht zu übersehen ist (siehe Beschreibung im Kasten), die sehr häufig und überall vorkommt und von deren Giftigkeit die wenigsten Rösseler etwas wissen. Weder im Brevetbuch noch in den meisten Pferdebüchern wird davon geschrieben. Und doch ist die tödliche Dosis für ein Pferd nur gerade 140 gr der Grünpflanze. (Die allseits als äusserst gefährlich bekannte Eibe wird wissenschaftlich als weniger giftig eingestuft!)

Jetzt im Juli und August blüht das Jakobs-Kreuzkraut. Wer sich die Mühe macht es zu suchen wird es mit Sicherheit auf Wiesen, an Waldrändern und Strassenborden finden.

Nicht nur der Rotechehof in Kiesen ist betroffen. Im Tierspital Bern häufen sich im Moment Vergiftungsfälle mit denselben Symptomen aus allen Regionen des Kantons!

Es ist zu hoffen, dass viele Reiter durch diesen Artikel aufmerksamer werden, die Gefahr frühzeitig erkennen und damit vielleicht ihrem Pferd einen qualvollen Tod ersparen.

Autorin: Christine von Steiger

Weitere Infos zu diesem Thema von Marianne Furler, 1999 www.vetpharm.unizh.ch/giftdb/giftf.htm